Der Familientradition folgen und den Hof übernehmen oder alleine aufbrechen und seinen Traum, schöne Kleider zu schneidern, realisieren? Für einige mag die Entscheidung einfach sein heute mehr als im Jahr 1971, in dem diese Geschichte spielt, nicht aber für unsere Hauptfigur Roberta in Ewald Arenz neustem Roman „Zwei Leben“.
„Wir sind schwer von all den Geschichten, von all dem, was vor uns gekommen ist. Manchmal denke ich, wir schleppen das ganze Land mit und mit jeder Generation werden wir noch schwerer und langsamer. Und es wird immer härter, es abzuschütteln.“
Nach ihrer Schneiderlehre in einer tristen Fabrik in der Stadt kehrt Roberta wieder in ihr Dorf Salach auf ihren elterlichen Hof zurück. Nichts hat sich dort verändert, und doch schaut sie nun mit anderen Augen auf das Dorfleben. Sie stellt sich immer häufiger die Frage, ob sie in dieser Welt noch zu Hause ist und ob sie die Konsequenzen tragen könnte, wenn sie fortginge? Für ihre Eltern ist es selbstverständlich und versteht sich ohne Worte, dass sie als einziges Kind den Hof übernimmt und fortführt. So wird sie auch unmittelbar nach ihrer Heimkehr mit auf den Acker genommen zum Rübenhacken. Ein selbstbestimmtes Leben in der Natur, eine Arbeit nach den Jahreszeiten und dem Wetter zieht Roberta tatsächlich der Fabrikarbeit ohne zu zögern vor. Allerdings schwelt in ihr der Wunsch, seit ihr einmal eine Modezeitschrift in die Hände fiel, Kleider zu entwerfen. Kleider, die schön sind, die die Figur umspielen, mit Farben und feinen Stoffen, aber eben keine solchen tristen, zweckmäßigen, die in der Fabrik gefertigt werden und alle im Dorf tragen. Robertas Freund Wilhelm, Pfarrerssohn und nicht ganz Dorf-, aber auch nicht Stadtkind, Idealist und Träumer, glaubt an sie und will sie unterstützen, ihr Ziel zu erreichen.
„Sie war an all das hier gebunden. Nicht nur, weil es immer schon so gewesen war. Aber das Dorf und der Hof und die Eltern – das war ja auch alles, was sie hatte. Wenn man fortging, dann hatte man nur noch sich, und vor allem fehlte man den anderen auf dem Hof. Ich will hier sein, dachte sie, doch. Es ist nichts Falsches. Nur – dass es für immer sein soll, dass immer nur der Alltag wahr wird, und die Träume werden es nie, das ist schwer auszuhalten.“
Kann sie sich von der Familientradition, den Erwartungen ihrer Eltern, dem bäuerlichen Leben losreißen und alles hinter sich lassen? Würde sie nicht ihre Eltern im Stich lassen und die Generationen vor ihr mit Füßen treten? Würde sie, unerfahrenes Dorfkind, es überhaupt alleine schaffen?
„‚Aber wenn du an mir das Leichte magst […] dann mag ich an dir genau diese Schwere, diese Tiefe. Dabei bewegst du dich so leicht. Wenn es so was gäbe wie einen tanzenden Baum, dann wärst du das. Biegsam im Wind und voller Bewegung und dabei mit den Wurzeln tief im Boden.‘“ Wilhelm
An diesem Roman hat mir vor allem die Sprache gefallen. Arenz setzt Sprache nicht nur ein, um uns in die Zeit und das Dorfleben zu versetzen, sondern auch zur Charakterisierung seiner beiden Hauptfiguren Roberta und Gertrud. So ist anfangs, wenn wir aus Robertas Perspektive blicken, die Sprache abgehackt, die Sätze unvollständig oder verkürzt. Das lässt sie sehr jung, schlicht und unerfahren wirken – eben wie ein Dorfkind ohne Reife und Weltwissen. Auf den ersten Seiten hat mich genau dieses Stilmittel mächtig gestört, bis wir zu Gertrud, der Pfarrersfrau, kamen. Denn ihr liest man Bildung und Lebensweisheit ab – genau das richtige Gegengewicht zu Roberta.
Beim letzten Buchclubtreffen, wo wir über Arenz‘ Buch sprachen, haben wir uns auch gefragt, wem wir diesen Roman empfehlen würden. Ich muss gestehen, aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis wären es nur wenige und dann auch nicht gerade die jüngere Generation – aus dem einfachen Grund: Es ist eine ruhige, authentische Geschichte, die vor fast 55 Jahren spielt, den damaligen Zeitgeist einfängt (perfekt gespiegelt vom Coverbild) und uns in ein Leben entführt, das vor allem von Tradition und Verpflichtung geprägt ist, aber auch Hoffnung auf neue Zeiten durchscheinen lässt. Das richtige Buch für all diejenigen, die gerne in vergangene Zeiten abtauchen oder eben in Erinnerungen schwelgen möchten.
Buch selbst erworben.
Ewald Arenz „Zwei Leben“. Roman
DuMont Buchverlag, 2024, 368 Seiten
ISBN: 978-3-8321-8205-2